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Auszug aus dem Sternenreif


 
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Regine
Goldblitzbold


Anmeldungsdatum: 15.04.2007
Beiträge: 473
Wohnort: Bääärlin

BeitragVerfasst am: 28 März 2009 17:26    Titel: Auszug aus dem Sternenreif
Antworten mit Zitat

Hi! Very Happy

Hier einer der wenigen Auszüge aus dem Roman 'Der Sternenreif', der auch ohne Vorkenntnis halbwegs nachvollziehbar ist.

Ja, es ist etwas länger, als ein Forentext sein sollte, aber wo hätte ich abbrechen sollen? Wink

Allen, die den Schritt ins Unbekannte wagen wollen, wünsche ich hiermit viel Spaß.

P.s: Malki, die dürften zumindest die Namen reichlich bekannt vorkommen.

Alois vom Springersee
Alois, der oberste Folterknecht des Hauses Sonnenberg, hockte stumm auf der von Ketten gehaltenen Bank im Verließ. Er langweilte sich. Für Folterknechte gab es in letzter Zeit kaum noch etwas zu tun. Der frisch gebackene Herzog hielt sich nicht damit auf, Gefangene zu machen. Wer ihm in die Quere kam, dem blieb nicht viel Zeit, seine Fehler zu bereuen. Konstantin bevorzugte offenbar einen schnellen Tod, und er verabreichte ihn gern selbst. Alois hatte es aufgegeben, im Thronsaal herumzulungern. Die gereizte Atmosphäre dort deprimierte ihn.

Eine Umschulung kam in seinem Alter nicht mehr in Frage, also blieb ihm nichts anderes übrig, als das Feuer zu schüren und auf bessere Zeiten zu hoffen. Sie kamen überraschend schnell. Und zwar in Form eines wütenden Monologes, der, von nervösem Waffenklirren begleitet, den Weg hinunter in seine Lieblingszelle fand.

"... ist doch wirklich die Höhe! Wie kann er so etwas nur tun? Versteht ihr das?", zeterte eine weibliche Stimme.
"Da lang", lautete die knappe Antwort. Alois erkannte in dem Sprecher die Wache Nestor. Ein ruhiger und freundlicher Geselle, der ihn früher häufig mit Arbeit versorgt hatte. Auch die Stimme der Frau kam ihm vage bekannt vor. Er hatte sie vor kurzer Zeit schon einmal gehört, konnte sie aber im Moment keinem Gesicht zuordnen. Das Geschrei kam näher. Neugierig stand er auf und lugte um die Ecke. Zwei Männer und eine Frau waren auf dem Weg zu ihm. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Das Mädchen hatte er zuletzt auf dem Rücken eines Drachen gesehen, zusammen mit dem Hauptmann.

"Männer sind ja so was von unberechenbar", schimpfte sie gerade. Dass ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt waren, schien sie nicht zu stören. Die beiden Wachen hielten sich dicht hinter ihr und tauschten dabei so nervöse Blicke aus, als könnte die Gefangene jederzeit explodieren.
"Und undankbar!", dozierte Gwen. Um ihre Worte zu unterstreichen, hob sie die rechte Hand und fuchtelte Nestor mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor der Nase herum. Es ratschte unangenehm, als sie die Fesseln so mühelos sprengte wie Spinnweben. "Jawohl! Undankbar, sage ich euch!"
Nestor schluckte und nickte heftig. Er schielte bei dem Versuch, Alois einen hilfesuchenden Blick zuzuwerfen, und die Hexe gleichzeitig im Auge zu behalten.

"Alois!", rief er, "Die hier ist für dich."
Der Folterknecht schritt dem Trio ohne jede Spur von Besorgnis entgegen.
"Ich kann ja gerade noch verstehen, dass er wieder nach Hause möchte. Ich meine, er ist schließlich erwachsen, oder? Wenn er sich unbedingt das Leben schwer machen will, dann ist das sein gutes Recht", quasselte Gwen munter weiter, als Alois sie sanft am Arm festhielt und ihr gefühlvoll den Weg in die Folterkammer wies. Hinter ihnen schepperte es ohrenbetäubend. Die beiden Männer hatten in Windeseile kehrtgemacht. In dem engen Gang war es ihnen gelungen, ihre Waffen und Rüstungen so effektiv ineinander zu verkeilen, dass sie die Treppe nur noch seitlich hinauf stolpern konnten und dabei wirkten, wie ein ungeschicktes Tanzpärchen. Nachdenklich beobachtete Alois ihre spektakuläre Flucht.

"Zugegeben, er hat auf der ganzen Reise hierher kein Wort gesagt. Außer 'Hier machen wir Rast' und solches Zeug. Dabei habe ich mir solche Mühe mit ihm gegeben. Immerzu habe ihm erklärt, dass er gefälligst seine eigenen Entscheidungen treffen soll. Ich habe ihm praktisch befohlen, sich nicht länger gängeln zu lassen! Nie im Leben hätte ich erwartet, dass er mich tatsächlich ausliefert. So eine Unverschämtheit!"
Alois nickte. Das passte zu dem Hauptmann. Er war also wieder zurück.

"Nicht Mal für die gute Pflege hat er sich bedankt. Oder fürs Kochen. Das wäre doch das Mindeste gewesen, finde ich. Also an seinen Manieren muss er noch gründlich arbeiten. Und du hättest ihn erst im Thronsaal erleben sollen. So ein Schleimer! Immer dieses 'ja Herr', und 'selbstverständlich, Herr' und 'zu deinen Diensten, Herr'."

Auch jetzt nahm sie Alois verständnisvolles Nicken kaum zur Kenntnis. Ebenso wenig die Tatsache, dass er gerade dabei war, sie an der Wand fest zu ketten. Sie hob einfach gehorsam die Arme und sah zu, wie die Fassungen mit einem satten Klicken einrasteten.
"Ehrlich, der Kerl ist das Letzte! Dabei war ich so nett zu ihm. Normalerweise habe ich nicht so viel Geduld mit Trotteln."
Nicken. Die Ketten saßen ordentlich, auch an den Füßen. Jetzt konnte er sich dem Feuer zuwenden, das bereits in heller Vorfreude zu zucken schien. Gewissenhaft wählte er das passende Werkzeug aus: ein Sternförmiges Eisen. Er benutzte es gerne, wenn er Hexen als Kundschaft hatte.

Das klirrende Geräusch hinter ihm machte ihn stutzig. Bei dem darauf folgenden Knall zuckte er sogar leicht zusammen. Gwen stand vor ihm und betrachtete wohlwollend seinen nackten Oberkörper. Alois drehte sich um. Die Ketten lagen auf dem steinernen Boden verteilt wie deprimierte Schlangen.
"Aber er ist eben auch nur ein Mann. Da darf man wohl nicht zu viel erwarten. Nur, weil er aussieht wie Adonis muss er ja noch lange kein ritterlicher Typ sein. Wahrscheinlich bin ich einfach zu anspruchsvoll."
"Bitte fass das nicht an", ermahnte sie der Folterknecht, als sie Interesse an seinem Sortiment zu entwickeln begann.
"Was ist denn das?", fragte sie neugierig. In ihren Händen hielt sie eine Art zusammengeklappten Metallreif mit Zähnen.
"Das ist ein Fußeisen", erklärte ihr Gastgeber.
"Ist das gefährlich?"
"Nicht unbedingt. Aber ich halte gerne Ordnung, bring mir also bitte nicht alles durcheinander." Vorsichtig pflücke er ihr das Eisen aus den Händen und legte es liebevoll wieder an seinen Platz. Dann schnappte er nach Gwen, bevor sie Gelegenheit bekam, sich weiter umzusehen. Er erwischte sie an Schultern und Hüfte. Wieder einmal fragte er sich, wie ein Mensch so weich gebaut sein, und doch so viel aushalten konnte. Das Mädchen erhob keine Einwände gegen die Behandlung.
"Was ist denn bloß los mit ihm? Warum ist er so ein arroganter Dreckskerl? Ich verstehe einfach nicht, wieso er es darauf anlegt, mich zu verletzen. Machen das alle Männer so?"

"Nun ja... ", druckste Alois herum und schob sie beiläufig an eine andere Wand, wo er die Prozedur wiederholte. Er trat ein paar Schritte zurück und betrachtete abschätzend sein Werk. Die Ketten machten einen stabilen Eindruck. Nur nicht auf die junge Frau. Sie verlor schon wieder die Lust daran, an die Wand gekettet zu sein. Alois gab sich nicht länger der Hoffnung hin, dass Materialermüdung etwas damit zu tun haben könnte.
"Hör mal", sagte er. "So geht das nicht. Wenn wir hier weiter kommen wollen, dann musst du schon etwas kooperativer sein."
Gwen ließ sich seufzend auf der Streckbank nieder. "Entschuldige. Ich fürchte, ich bin einfach nicht in der richtigen Stimmung."
Alois hatte durchaus Verständnis dafür, war aber nicht daran gewöhnt, sich nach den Stimmungsschwankungen seiner Kunden zu richten.
"Wir können es ja später noch mal probieren", versuchte Gwen ihn aufzumuntern.
"Ist das dein Ernst?", fragte er zweifelnd.
Ihr entschuldigender Blick verriet ihm, dass das nicht der Fall war. Resignierend ließ er die Schultern sinken und setzte sich neben sie.
"Du würdest einem Mädchen nicht weh tun, wenn sie sich um dich bemühte, stimmt's?"
Alois schwieg. Die Frage stellte ihn vor eine Herausforderung. Noch bevor er seine Gedanken zu dem Thema sortieren konnte, redete Gwen wieder drauflos.
"Du bist viel angenehmer, als Morgenstern. Wenigstens schmollst du nicht dauernd und verlangst, dass ich den Mund halten soll." Endlich begann Gwen damit, sich etwas zu entspannen. Die freundliche Umgebung, der heimelige Schein des Kohlenfeuers, die nette Gesellschaft, all diese Dinge wirkten wahre Wunder und sorgten dafür, dass Gwens Eiserner Wille schläfrig wurde. Gwen betrachtete den Mann neben ihr. Seine beeindruckende Statur kam ihr bekannt vor. Der kahle Schädel funkelte im Schein der Flammen. Sie erinnerte sich wieder an ihn. Er hatte nicht die Nerven verloren, als es im Schloss drunter und drüber ging und alle in Panik gerieten. Außerdem war er vergleichsweise zuvorkommend zu ihr gewesen.
Das Feuer knisterte stimmungsvoll. Gwens Eiserner Wille lehnte sich gemütlich zurück und inhalierte den bittersüßen Rauch der Erinnerung. Da er ein Teil von Gwendolyns Unterbewusstsein war, konnte er die Zeichen viel früher deuten als sie selbst. Nicht, dass sie sich überhaupt die Mühe machen würde. Kurz: Er wusste, was geschehen würde. Aber er sah keinen Grund, sie an ihrem Tun zu hindern. Schließlich wollte er sich endlich wieder einmal richtig amüsieren.

"Also ..." versuchte Alois es erneut. Weiter kam er nicht.
"Eigentlich bist du sogar ganz ... nett."
Das hatte ihm nun wirklich noch nie jemand gesagt. Selbst seine eigene Mutter hiel ihn für herzlos.
Alois wurde nicht verlegen. Er wurde nie verlegen. Dafür war er einfach nicht geschaffen. Sein Problem war gänzlich anderer Natur, denn er fand das Mädchen ebenfalls nett. Wobei das Wort 'nett' seine Gefühle nur unzulänglich auszudrücken vermochte. Und er trug bei der Arbeit lediglich einen Lendenschurz.

"Ähmm..." sagte der Folterknecht.
"Oh!", machte Gwen. Leidenschaft erwachte in ihr und witterte ihre Chance. Rasch durchforstete die die zur Verfügung stehende Biochemie und kramte nach ein paar Zutaten, die seit einiger Zeit in Vergessenheit geraten waren.
Alois sah sich zu einer Entschuldigung genötigt. "Verzeih. Normalerweise lerne ich meine Kunden bei der Arbeit nicht so gut kennen."
Gwendolyn grinste schelmisch. "Genau genommen bin ich doch gar kein Kunde. Ich glaube, ich würde dich wirklich sehr gerne ... näher kennen lernen." Im Gegensatz zu ihrem ausgesprochen männlichen Begleiter zeigte Gwen durchaus die Neigung, in Momenten wie diesen heftig zu erröten.
"Ich bin ein bisschen aus der Übung, was das ... Kennenlernen betrifft", gestand er. "Das letzte Mal, dass ich Gelegenheit hatte, eine Frau ke..."
Der hastig zusammengerührte Hormoneintopf blubberte und kochte über. Eiserner Wille ließ es sich nicht nehmen, persönlich noch ein paar Endorphine hinzuzufügen, bevor Leidenschaft die ganze Suppe, mit einer ordentlichen Portion Adrenalin aufgepeppt, durch Gwens Adern jagte.

"Halt den Mund!" Sie ließ diesem Befehl einen flüchtigen Kuss folgen, damit er keine Zeit fand, es sich anders zu überlegen. Zur Antwort wurde sie unter einer Flut von Zuneigung begraben. Zuerst noch schüchtern, dann um einiges selbstsicherer.

Nestor war in das Verließ zurückgekehrt, um sich davon zu überzeugen, dass Alois nicht in Schwierigkeiten steckte. Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, sich noch mal in die Nähe von diesem schrecklichen Weib zu wagen, aber er schuldete Alois noch einen Gefallen. Ihm zuliebe hatte der Folterknecht einst eine Ausnahme gemacht, und ganz gegen seine Gewohnheit, bei der Arbeit gepfuscht. Damit hatte er dem Wächter einige schlaflose Nächte und unschöne Narben erspart. Nestor war entschlossen, diese Schuld heute zu begleichen, wenn es nötig sein sollte.
Doch die Schreie der Hexe überzeugten ihn schon von Weitem davon, dass alles seinen gewohnten Verlauf nahm. Alois kam zurecht. Mehr wollte er gar nicht wissen. Zufrieden machte Nestor kehrt und begab sich wieder auf seinen Posten.
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Gott sei Dank bin ich Atheist!
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