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Die Gräfin. Ein Kurzkrimi.


 
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OnlineDoktor
Teraldit der Glanzmeere


Anmeldungsdatum: 07.07.2007
Beiträge: 114
Wohnort: Praxis

BeitragVerfasst am: 06 Dez 2007 10:29    Titel: Die Gräfin. Ein Kurzkrimi.
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Die Gräfin

Ich bin tot. Oder jedenfalls wäre ich es beinahe gewesen. Die Chancen, dass ich aus dieser Sache heil wieder herauskommen könnte standen astronomisch schlecht.
Der Wind pfeift mir um die Ohren und bläst immer wieder mein Streichholz aus. Also keine Zigarette. Ist sowieso gesünder. Ich sehe James noch nach, wie er die Stufen hinauf und durch die Tür verschwindet.

Es war alles ziemlich riskant. Aber es war das Risiko wert. Mit einem Schlage hätten wir eine der reichsten Frauen diesseits des Atlantik als Waffen- und Drogenhändlerin entlarven können. Viel fehlte uns nicht dazu. Wir benötigten lediglich noch wenige Informationen über ein gewisse Konten in der Schweiz, sowie deren Passwörter. Und die hatte ich eben gefunden. wie so oft zeigte sich auch Frau Gräfin leichtsinnig genug, immer wieder dasselbe Passwort zu verwenden. Gut für mich. Ich hatte schon genug damit zu tun mir all die Nummern zu merken.
Sie war übrigens tatsächlich eine echte Gräfin, wie ich erstaunt feststellte, als ich ihren Schreibtisch mit den unzähligen Aktenordnern, Schnellheftern und losen Papieren untersuchte. Wenn auch angeheiratet. Der Herr Graf starb demnach kurze Zeit nach der Zeremonie. An einer Überdosis Autounfall. Tragisch für das junge Glück, aber typisch für Frau Gräfin. Sehr viele Leute, die das Pech hatten Frau Gräfin in irgendeiner Weise zu nahe zu kommen starben unerwartet. Und immer war die Ursache ein dummes Missgeschick. Ebenso erging es einigen meiner geschätzten Kollegen, weshalb uns nicht sonderlich viele Agenturen um diesen Job beneiden. In besonders üblen Fällen, und nicht in den wenigsten, ergossen sich die Unglücksfälle sogar Stück für Stück über die gesamte Familie bis hin zur Hauskatze des Betroffenen. Ja selbst der Freundeskreis steckte sich mitunter am Unglück an. Aber 'wir schaffen das schon'. dachten wir. 'Wir sind schliesslich die Besten!'

Da stand ich nun, mitten im Apartment der Gräfin, noch dazu in ihrem 'Allerheiligsten', das niemand ohne ihre Erlaubnis, oder gar in ihrer Abwesenheit, betreten durfte. Nichtmal das Personal. Madame putze sogar selbst. Der Raum bestand aus zwei Teilen. Zum einen ein kleines, dunkel aber gemütlich gehaltenes Wohnzimmer, und zum anderen der Schreibtisch mit der altmodischen Schreibmaschine und der Papierlawine, die nur mäßig an ein Ablagesystem erinnert. Einen Computer gab es nicht. Frau Gräfin ist der Ansicht, dass, egal wie gut die Sicherheitsvorkehrungen auch seinen mögen, ein geschickter Hacker aus so einer Kiste alles an Informationen herausholen könnte was ihm beliebt. Das haben wir natürlich mit sämtlichen ihrer zur Verfügung stehenden Firmenrechner auch getan. Erfolglos. Nach außen hin war Frau Gräfin so makellos unschuldig wie ein neugeborenes Baby.
Unglücklicherweise hat sie uns damit die Arbeit unnötig schwer gemacht. Ich musste extra einbrechen, noch dazu durch das Fenster, um die Informationen zu beschaffen und mich dann per Hand durch diese Naturkatastrophe wühlen.
Im Vergleich dazu, einen geeigneten Termin zu finden an dem die Gräfin ausser Haus sein würde, war der Einbruch allerdings ein Kinderspiel. Frau Gräfin geht nicht so gerne aus, wie man es einer derart attraktiven, allein stehenden und noch immer jungen Frau unterstellen möchte.
Doch an diesem Abend hatte sie eine Verabredung für das Theater und würde nicht vor Mitternacht zurück sein.

Umso mehr war ich überrascht, als die Tür sich spontan öffnete und Frau Gräfin samt Begleitung lachend herein tänzelte. Unangenehm. Und, wie bereits erwähnt, in der Regel auch tödlich.
Frau Gräfin blinzelte nur den Bruchteil einer Sekunde lang verwirrt in meine Richtung, als sie mich, die Hände in einem Haufen aus Schnellheftern vergraben, am Schreibtisch stehen sah. Die kleine Leselampe beschien mein ausdrucksloses Gesicht. Ich war ausgezeichnet zu erkennen. Dass ich immer noch eine Chance hatte davon zu kommen erkannte ich in dem Moment als mir klar wurde, dass mir das Gesicht des gräflichen Begleiters durchaus bekannt war. Ausgerechnet mit einem Kommissar der hiesigen Polizei musste sie ausgehen, das freche Luder.

'Da sind Sie ja', sagte ich ungerührt. Ich wollte mal sehen, wie weit ich damit käme. Für ausgeklügelte Pläne blieb mir ja keine Gelegenheit mehr. Ein Abgang durch das Fenster würde ebenfalls mehr Zeit erfordern als mir zur Verfügung stand und eine stürmische Flucht durch die Tür schied ganz aus, weil es in dem Apartment von mehr Leibwächtern wimmelte als im Weißen Haus. Und auf 9mm konnte ich derzeit nicht rausgeben. Mein 'Wechselgeld' lag noch auf dem Dach, weil ich hier unten nicht mit Schwierigkeiten gerechnet hatte.
Aber ebenso wenig wie ich wollte sich nun Madame eine Blösse geben. Sie lächelte und sagte 'Oh, Sie sind aber früh dran. Ich hatte Sie erst zu späterer Stunde erwartet.' ich erwiderte ihr Lächeln. Charme hatte sie ja.
Den Kommissar machte mit. Er hatte zwar das Spiel noch nicht ganz kapiert, aber doch zumindest die Regeln. 'Na, das hätte mir das Fräulein Nicolette aber auch gleich sagen können, dass sie ausgerechnet mit dem alten Schnüffler Rampsey verabredet ist. Schliesslich sich wir alte Bekannte, nicht wahr? Wie geht es ihnen denn so?' plauderte er, schelmisch beleidigt das Gesicht verziehend, während er auf mich zu stiefelte um meine etwas starre Hand mechanisch auf und ab zu bewegen. Superklasse. Nun hatte sie auch gleich noch einen Namen zum Gesicht.

'Geht so.' murrte ich.
'Nun, meine Herren, dann nutzen wir doch diese Chance um ein wenig zu plaudern. Aber bitte, setzen Sie sich doch.' Noch immer lächelnd wies sie uns in die kleine Sitzecke ein. Der Kommissar und ich würden demnach auf dem geschmackvollen Zweisitzer Platz nehmen, sie auf dem dazu passenden Sessel gegenüber. Eine niedrig hängende Jugendstiel Lampe spendete ein warmes Licht, in dessen Schein ich sicherlich bald zu schwitzen anfangen würde. Während der Kommissar erzählte, warum sie die Theatervorstellung nun doch nicht besuchen konnten, hantierte sie an dem winzigen Buffet nahe der Tür und zauberte nach unglaublich kurzer Zeit ein Tablett mit drei vollen Tassen auf den winzigen Nierentisch aus Kristallglas.
Wie selbstverständlich servierte sie dem Kommissar einen grünen Tee. Für sie und mich gab es Kaffee. Und so, als ob wir uns bereits seit Jahren kennen würden, und sie daher über meine Gewohnheiten genauestens auf dem Laufenden wäre, versenkte sie zwei Stückchen Zucker in meiner Tasse. Ich trank ihn normalerweise ohne Zucker, dafür jedoch mit Milch, aber das fiel dem Herrn Kommissar gar nicht auf, obwohl ich praktisch zweimal die Woche ins Revier kam und dort an schlechten Tagen den Automaten leer soff. Soviel also zu seiner Beobachtungsgabe.
Geziert setzte sie sich, rührte mit einem kleinen Silberlöffel in ihrer Tasse und blickte uns erwartungsvoll an. Der Kommissar hatte seinen Bericht inzwischen beendet, ohne dass ich auch nur ein Wort davon wirklich gehört hätte. Fieberhaft dachte ich über mein Entkommen aus dieser etikettierten Mausefalle nach.

'So, nun wissen sie es also. Und? Was treibt Sie hier her, altes Haus?' plapperte der Herr Kommissar ungezwungen weiter. 'Ich? Oh, ich habe mit der Frau Gräfin ein kleines Projekt am laufen.' Ich hob meine Tasse an die Lippen und trank widerlich süssen Kaffee, um das 'kleine Projekt' nicht näher ausführen zu müssen. 'Nana, nicht so bescheiden mein Lieber. Soooo klein ist es auch wieder nicht. Es geht dabei immerhin um eine menge Geld, nicht wahr?' korrigierte sie mich mit unbarmherziger Liebenswürdigkeit. Ich zuckte angelegentlich mit den Schultern. immerhin hatte sie Recht. Erklärend fügte sie mit verschwörerisch hochgezogener Augenbraue, übrigens einer sehr hübschen, hinzu: 'Wohltätigkeit, sie verstehen?' geziert nippte sie an ihrem Kaffee. Ihr Gegenüber nickte verstehend, obwohl es mich sehr wundern würde wenn er tatsächlich etwas verstanden hätte. 'Wohltätigkeit' nannte sie das also. Eine gefällig Umschreibung für 'Aller Sorgen ledig sein'?
Offenbar hatte Madame die Milch vergessen, denn sie tippelte noch einmal zurück an das Buffet und hantierte dort einen Augenblick herum, bevor sie sich wieder zu uns setzte.

Trotz der warmherzigen Art unserer Gastgeberin beschlich den Kommissar wohl allmählich das Gefühl unsere traute Zweisamkeit zu stören. Mit einer angemessen energischen Geste und den Worten 'Tja, also ich muss dann wohl wieder...' erhob er sich. Die Gräfin konterte mit der üblichen 'Ach, aber müssen Sie denn wirklich ...blabla'-Floskel, und zwar so gekonnt, dass dem armen Mann, der sich vom heutigen Abend sicherlich weit mehr erhofft hatte als eine Tasse Tee, gar nichts anderes übrig blieb als seinen Entschluss nochmals zu bekräftigen. Meine Chance war gekommen.
'Ich denke' sagte ich ruhig, 'Ich werde Sie begleiten. Es ist schon recht spät und eigentlich bin ich ja nur so früh hergekommen, um unseren späteren Termin abzusagen. Es tut mir sehr leid, aber mir ist etwas dazwischen gekommen um das ich mich dringend kümmern muss.' Meine Beerdigung zum Beispiel, aber das sprach ich natürlich nicht laut aus.
'Oh, aber nicht doch, mein Lieber. Ich hatte mich auf unser Treffen heute so sehr gefreut. Bedenken sie, wie viele kleine Kinderchen wir mit unserem Vorhaben glücklich machen könnten. Und sie haben mir auch noch gar nicht erzählt wie es ihrer Familie geht. Ist denn ihre Frau Mutter wieder auf dem Wege der Besserung?' säuselte sie, die Liebenswürdigkeit in Person und anscheinend ernsthaft besorgt. Ich fand, Madam war sehr direkt, aber dem Kommissar schien noch immer nichts aufzufallen.
In meinem Hinterstübchen arbeiteten ein paar Gehirnzellen an der Frage, ob sie wirklich von der Krankheit meiner Mutter wusste, oder einfach nur gut geraten hatte. Dann erspähte ich das Mobiltelefon auf dem Buffet an der Tür. Verdammte Fotohandys! Allerdings hatte ich keinen Blitz bemerkt. Vielleicht hatte sie auch einfach nur meinen Nachnamen und das Stichwort 'Detektiv' weitergegeben. Innerlich seufzte ich neidisch. Wer immer da am anderen Ende in einem Affenzahn Daten durchwühlte, ich wünschte aus tiefstem Herzen, er würde für uns arbeiten.

'Wer könnte ihrem Charme schon widerstehen, Verehrteste. Also gut, ich bleibe.' seufzte ich ergeben.

Nachdem die Gräfin ihren Gast nach allen Regeln der Kunst verabschiedet hatte wandte sie sich katzengleich um und liess sich mehr in den Sessel hinein fliessen als dass sie sich setzte. Ich bedauerte ein wenig, des Anblickes ihrer entzückenden Rückseite beraubt zu sein. In diesem eng anliegenden Seidenkleid sah sie wirklich hinreissend aus.
Ich schwieg. Sie musterte mich neugierig und legte dann abschätzend den Kopf schief.
'Ich denke, Sie wissen sehr genau was Sie erwartet? Natürlich wissen Sie es. In ihrer Branche spricht es sich schnell herum wenn sich jemand böse die Finger verbrannt hat, nicht wahr? Ich hoffe, Sie nehmen es nicht persönlich.' bat Sie mit unschuldiger Miene, 'Aber ich fürchte, diese kleine Herumschnüffelei in fremden Angelegenheiten wird Sie leider das Leben kosten.' Diese offenen Worte trieben mir das Blut aus den Adern. Für einen Moment war ich wie paralysiert. ich dachte noch, so muss sich jemand fühlen, der auf der Autobahn steht und einen gigantischen Laster auf sich zu rasen sieht. Anstelle des Trucks rasten Gedanken an mir vorbei, die eine ähnliche Wirkung erzielten. 'Aus, vorbei. Schade. Verfluchter Mist. Ich dachte, ich bin besser.'
Noch während das Blut in meinen Ohren rauschte und ich zu keiner Bewegung fähig war fuhr sie ungerührt fort.
'Natürlich nicht sofort. Unser lieber Freund, der Kommissar, mag nicht das hellste Lämpchen im Kronleuchter sein, aber selbst er würde sicherlich misstrauisch wenn Sie so kurz nach Ihrem Besuch bei mir einem bedauerlichen Unfall zum Opfer fielen. Nein, ich denke, Sie werden mir noch eine Weile Gesellschaft leisten. Mal sehen. Heute ist Dienstag. Wäre Ihnen Montag recht?'

Ich bin sicher, dass ich keinen sehr intelligenten Eindruck gemacht haben konnte. Es sah bestimmt ziemlich dämlich aus wie ich dort sass und sie nur anstarrte. Plötzlich musste ich lachen. Aber wieso auch nicht, es konnte mir schliesslich nicht mehr schaden. Und die Vorstellung, dass ein Kätzchen wie dieses mir gegenüber einen alten Dinosaurier wie mich erlegen könnte hatte etwas rührend Komisches. Jedenfalls bis das geistige Bild vor meinen Augen sich ganz automatisch um einen ganzen Horizont voller gut bezahlter, ausgewachsener Raubtiere ergänzte. Ich fasste mich wieder und räusperte mich.
'Pass mir prima' antwortete ich. 'Ich wollte sowieso den Wagen aus der Werkstatt hohlen. Obwohl mir, ehrlich gesagt, eine hübsche saubere Kugel ins Herz wesentlich lieber wäre. Ist wohl nicht drin, oder?' Sie schüttelte bedauernd den Kopf. 'Naja. Dachte ich mir schon. Könnte ich noch so ein Tässchen haben? Die Sorte geht normalerweise über meinen bescheidenen Gehaltsscheck.' verlangte ich frech und hielt ihr die winzige Tasse entgegen.

Diesmal war sie es, die sich in einen beinahe hysterischen Lachanfall hineinsteigerte und mich unweigerlich mitzog. Danach stand sie auf, ging an ein Schränkchen des Buffets und kehrte mit einer Flasche teuersten Whiskys zurück.
'Sie könnten sich nicht vielleicht dazu durchringen in Zukunft für mich zu arbeiten?' ich quittierte ihre Frage mit einem erneuten Heiterkeitsausbruch, der sich zu einem ausgewachsenen Hustenanfall steigerte. Aber ich denke, mein Kopfschütteln dürfte ihr meine Position deutlich gemacht haben, denn sie nickte einfach nur und goss die Gläser voller als es der Anstand zuliess. Es gefiel mir ja selbst nicht, aber ich konnte nunmal nicht für irgendwelche Verbrecher arbeiten. Immer, wenn ich es früher mal versucht hatte, landeten die Typen über Kurz oder lang im Knast. Meistens, weil sie mir in ihrer Überheblichkeit so lange auf die Eier gingen, bis ich sie höchstpersönlich am Kragen dorthin geschleift hatte.
Ihre Worte 'Sie gefallen mir' und mein 'Gleichfalls' waren die letzten, an die ich mich in dieser Nacht erinnern kann. Danach kommt viel Nebel und ein riesiger Kater.

Als ich wieder erwachte war es um mich herum pechschwarz. Ich bekam kaum Luft. Mühsam hob ich den Kopf aus dem weichen Kissen und atmete tief durch. Jetzt, wo die tintenschwarze Seidenbettwäsche das Licht nicht mehr dämpfte frass es sich gierig in meine Augen und lockte pochende Kopfschmerzen an. Unerwartet spüre ich einen sanften Kuss auf meiner Wange. Mit beneidenswertem morgentlichem Schwung, insbesondere um die Hüften herum, sah ich eine splitternackte weibliche Erscheinung hinter einer Tür verschwinden. Stöhnend fiel ich zurück in das Kissen.
Immerhin blieb der von mir gefürchtete Anblick eines feuchten Kellers aus. Ich hatte es besser getroffen als ich zu hoffen gewagt hätte. Aber warum sollte so ein alter Knochen wie ich nicht auch mal Glück haben?

Aktives Denken setzte bei mir erst wieder ein, als ich mir die erste Tasse Kaffe einverleibt hatte. Irgendwelche Bediensteten lieferte Madame und mir dort ein ausgezeichnetes und reichhaltiges Frühstück auf die Terrasse, deren Glasverkleidung uns vor den stürmischen Winden des Herbstes schützte. Lauter gesundes Zeug, das man unter normalen Umständen kaum anrührt, aber sofort verputzt wenn es irgendein anonymer Tabletttäger mundgerecht an den Tisch bringt. Am allerliebsten dann, wenn man selbst noch im Morgenmantel herum schlurft. Und dieser war nichtmal mein eigener. Frau Gräfin war ausgezeichnet sortiert.

Und während wir da sassen, Annanas, Wachteleier und Champagner frühstückend, rehten sich meine Gedanken immer nur um die eine Frage: Wie zur Hölle soll ich hier wieder rauskommen?
Nun, meine Firma hätte mich nie eingestellt wenn sie mich nicht für fähig halten würde meinen Hintern selbst aus der Schusslinie zu bringen. Und endlich kam mir auch die rettende Idee. Alles was ich dafür brauchte waren die Nerven eines abgefeimten Betrügers.

Die nächsten Tage verliefen, wenn ich es recht bedenke, eigentlich sehr angenehm. Ich musste nur vergessen, dass meine Gastgeberin mich als eine Art Haustier betrachtete und mich am kommenden Montag einschläfern wollte. Abgesehen davon verwöhnte sie mich nach allen Regeln der Kunst. Leider bedeutete das auch, dass ich nicht eine Sekunde alleine war. Wenn sie zu tun hatte , dann bestand sie darauf, dass ihre beiden Lieblingsmuskelmänner, Fred und George, mir Gesellschaft leisteten. Dumm wie Dackel, aber breit wie Bullen. Ich versuchte gar nicht erst mit denen ein Gespräch anzufangen.
Die Nächte schien sie sich ganz und gar für mich frei zu halten. Wir erlaubten es uns sogar im Schlafzimmer zu Rauchen. Sehr zum Ärger von Margarete, der erstklassigen Putzfrau. Missbilligend beförderte sie gegen Mittag, während wir auf der Terrasse frühstückten, sämtliche Überreste eines ausschweifenden Liebeslebens in die Nichtexistenz und lüftete kräftig durch.

Am Donnerstag Abend gab ich meiner Gräfin bekannt, dass ich am nächsten Morgen bei meiner Arbeit kündigen müsse wenn sie nicht riskieren wollte meine Firma für den Rest ihres Lebens an der Backe zu haben. Natürlich wollte sie mitkommen. Nichts anderes hatte ich erwartet.
Den Besuch in der Firma hielt ich so kurz wie möglich. Madame war die Herzlichkeit in Person und verstand es hervorragend den Eindruck zu erwecken, wir beide seinen die verliebteste Turteltäubchen auf Gottes weiter Erde. Und da sie Geld wie Heu besass wäre es natürlich pure Zeitverschwendung, wenn ich weiterhin einer Beschäftigung nachginge. James und Harry, beide selbst sehr engagierte Detektive und zudem Teilhaber der Detektei, zeigten sich ungeheuer verständnisvoll. Geradezu überschwänglich lobten sie meine Entscheidung und wünschten dem 'jungen Glück' alles Gute. Auch ich wurde überschwänglich und beschwor in meinen Zukunftsbeschreibungen paradiesische Zustände vor unseren geistigen Augen herauf. Natürlich wollte ich meine ehemaligen Kollegen an meinem unerwartet gefundenen Glück teilhaben lassen und lud sie spontan ein. 'Wir sollten mal wieder was zusammen machen. wie wäre es, wollen wir nicht allesamt am Wochenende mal wieder auf die Rennbahn gehen? Da findet doch das Derby statt.' Die beiden waren begeistert. Dann wand ich mich an meine Quasi-Verlobte: 'Du musst natürlich nicht mitkommen, Liebling. Wahrscheinlich sind Pferderennen nichts für Damen.'
'Ach, aber mein Schatz,' flötete sie, 'Natürlich komme ich mit. Das wird sicher wahnsinnig aufregend.' 'Na, dass will ich meinen!' bestätige ich. 'ich bin fest entschlossen meine gesamten Ersparnisse zu verwetten.' James lachte. 'Das wird dir ja wohl nicht schwer fallen, was? Immerhin hast Du von Wetten nicht die geringste Ahnung.' wir lachten alle.
So unschuldig James letzte Bemerkung auch klang, so wichtig war sie für mich.
Natürlich wussten die beiden Bescheid, was Sache war. Sie mussten einfach. Schliesslich arbeiteten wir seit Wochen gemeinsam an diesem Fall. Und bis auf den Namen der Bank, die für die letzten Transaktionen mit einem dieser waffenvernarrten Ölscheichs herhalten musste, inclusive Kontoverbindung und Passwort, hatten wir alle Daten inzwischen beisammen. Es war ärgerlich, dass ich mich ausgerechnet auf dem letzten Meter der Zielgeraden habe erwischen lassen.

Meine beiden Freunde stellten sozusagen meine einzige Rückendeckung da. Die Tatsache, dass sie die ganze Geschichte so anstandslos geschluckt haben zeigte mir, dass die zwei nicht vergessen hatten wie die Gräfin mit Schnüfflern und ihren Familien zu verfahren pflegte. Wenn meine neue Freundin aufgrund des allzu freundlichen Empfangs Verdacht schöpfte, dass wir ihr bereits auf den Versen waren und gewissermassen längst in die Waden bissen, so zeigte sie es nicht. Aber das würde zu ihr passen. Sie liess sich durch nichts verunsichern und anscheinend genoss sie unser Spiel in vollen Zügen.

Wir trafen uns auf der Rennbahn und ich hatte eine Menge Spass beim Wetten. Ich setzte auf die wildesten Gewinnkombinationen. Dreiereinläufe, bei denen der Aussenseiter den ersten Platz belegte, Sieg auf die Nummer 14, die noch nie irgendwo auch nur Sympathie gewonnen hätte und dergleichen mehr. Am Ende suchte ich die Pferde nach ihren Namen aus. Meiner Vorhersage nach würden die Klepper Longshot, Oskar Wilde, Old Boy, Smily, Edinburgh und 'Rotten Wall' in dieser Reihenfolge gewinnen. Fred, der mir die ganze Zeit über die Schulter sah und von Frau Gräfin als ihr Cousin vorgestellt wurde, kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Er gewann an diesem Tag ein ganzes Monatsgehalt. Und das, obwohl er mich nichtmal eine Nanosekunde lang mit meinen Freunden ausser Sicht oder Hörweite entliess. Madame hatte ihm wohl eingeschärft, dass er auch dran wäre wenn ich Gelegenheit bekäme meine neuesten Erkenntnisse aus den wohlgehüteten Unterlagen bei meinen ehemaligen Kollegen an den Mann zu bringen.

Ich wurde tatsächlich beinahe meine gesamten Ersparnisse los. Selbst Harry und James gaben ihr Bestes um mich ordentlich zu beraten. Gewissenhaft prüften sie jede Wette und versuchten mich zu etwas mehr Vernunft zu bewegen. Aber ich blieb stur.
Frau Gräfin, die aufgrund von Freds Beratung einen finanziell durchaus erfolgreichen Tag verlebte, gab sich des Nachts alle Mühe mich über meine Verluste hinwegzutrösten. 'Was solls', versicherte ich ihr. 'ich werde das Geld nicht mehr brauchen, nicht wahr?' Nachdenklich sank sie in die weichen Kissen und strich mir durch das zerzauste Haar und über meinen nackten Rücken. Dann kicherte sie mädchenhaft als ich mir alle Mühe gab, sie durch gezielte freche Küsse an unerlaubten Stellen aus der Ruhe zu bringen.

Als der Montag kam durfte ich in Fred und Georgs Begleitung mein Auto aus der Werkstatt holen. Frau Gräfin bestand auf einem gemeinsamen Mittagessen, während einer ihrer Spezialisten die Arbeit der Werkstatt 'überprüfen' wollte. Doch sie war keineswegs so ausgelassen und fröhlich wie in den letzten Tagen. Mit offensichtlichem Bedauern empfahl sie mir einen Ausflug in die Berge. Ich stimmte seufzend zu. Wenn ich meine Eltern, meine Geschwister, meine Kollegen, ja selbst meine Nachbarn, nicht einer unvorhersehbaren Katastrophe und einem garantiert gewaltsamen Tod ausliefern wollte, blieb mir gar nichts anderes übrig als artig in den Wagen zu steigen und irgendwo in den Bergen festzustellen, dass die Bremsen versagten.

Frau Gräfin stocherte gerade lustlos in ihrem Meeresfrüchtesalat herum, als sich die Tür öffnete und Madame höflich aber bestimmt verhaftet wurde. Wegen verschiedener Verstöße, unter anderem Drogenhandel und Waffenschieberei. Ich zeigte ein angemessenes Mass an Bestürzung.
Meine Gräfin gab sich irritiert und verlangte zu erfahren, wie man auf diese absurde Idee verfallen sei. Ihr freund, der Kommissar, stellte ihr einen Ermittler von Ausserhalb vor, der sie mit Kopien der entsprechenden Unterlagen konfrontierte. Man habe sie von der Bank erhalten, hiess es.
Seltsamerweise reagierte sie daraufhin mit sichtlicher Erleichterung. 'Ach Liebling', bat sie mich beinahe flehend, 'macht es Dir etwas aus, deinen Ausflug in die Berge abzusagen? Ich glaube, ich brauche dich jetzt hier.
Schützend nahm ich sie in meine Arme.

Ich wartete das Ende der Verhandlung nicht ab. Stumm verliess ich den Saal, als ich meine aussage zu ihren Gunsten, denn immerhin waren wir ja ein Paar, abgeliefert hatte.
Vor dem Gerichtsgebäude atmete ich tief durch. James erwartete mich dort.
'Und? Kannst Du morgen wieder mit der Arbeit anfangen?' fragte er grinsend. Ich nickte. 'Gute Arbeit', lobte ich. Er winkte ab. 'Ach komm schon. Nachdem wir die Kontonummer und das Passwort hatten war es doch ein Kinderspiel.' Ich nickte. 'Dachte ich mir's doch, dass ihr das rausbekommt.
'Sicher. Schwierig war es allerdings mit der Bank. Es hat praktisch ewig gedauert biss wie die rausbekommen hatten.'
'Aber wenn ich es offensichtlicher gemacht hätte, dann wären wir doch aufgeflogen.'
'Klar.' gab er zu. 'Klar.'
'Und wann ist euch eingefallen, dass die alte Schweizer Handelsbank 'Banque de Dépôts & de Gestion' als 'Old Traders Place' bekannt ist und die Rennbahn wegen der redseeligen Jockeys auch 'Old Traitors Place' genannt wird?
James sah mich überrascht an. 'Ach, ist das so? Das ist ja ein Ding! Wir haben uns einfach durch die Banken gefragt, wo es ein Konto mit der richtigen Kontonummer gab. und immerhin hatten wir ja das Passwort. Looser. Wie originell.' Er grinste.
'Ich hatte beinahe schon Schiss,' gab ich zu, 'dass Fred etwas merken würde. Aber der hat sich ja lieber in Schadenfreude gewälzt als sich mal ein paar Gedanken zu machen.

Wir zündeten uns beide eine Zigarette an und rauchten schweigend. ich fühlte mich endlich wieder frei.
'Und? Wie geht das mit euch weiter?'' wollte der gute James schliesslich wissen.
Ich blickte in den wolkenverhangenen Himmel und zuckte mit den Schultern. 'Weiss noch nicht. Solange sie nicht gerade Kanonen oder Stoff verhökert und mir nicht ans Leder will ist sie eigentlich ganz niedlich. Ich schätze, ich kann mir noch das eine oder andere Jahr Zeit lassen bevor ich mich für irgendwas entscheiden muss.'
Es ging nicht anders, wir mussten beide grinsen.

James verabschiedete sich und ging hinein um noch mitzuerleben, wie Madame zu wenigstens 20 Jahren verknackt wird. Anschliessend wird er wohl unseren Auftraggeber besuchen und ihm mitteilen, dass er den Waffendeal mit dem Scheich sowieso jetzt ungestört abziehen kann und bei der Gelegenheit auch gleich unser Honorar einfordern. Verdient haben wir es uns. Wir sind nunmal die Besten.

Und ich? Ich gehe nach hause. Lebendig.
Wer hätte das gedacht?
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